FC Sachsen Leipzig
BSG Chemie Leipzig/FC Sachsen Leipzig 1990 e.V.     
 

Titelhelden von der Resterampe

Aufbegehrende Abgeschobene: Sensationell wurde Chemie Leipzig 1964 DDR-Meister

Von Robert Klein

 

Da, wo FC Sachsen draufsteht, war nicht immer FC Sachsen drin. Es ist, streng genommen, eine Mogelpackung. Denn der FC Sachsen, der in der NOFV-Oberliga Süd auf Tabellenplatz 8 jenseits von Auf- und Abstieg rangiert, ist eigentlich Chemie. Oder Schäämie, wie die Leipziger sagen. Es ist selbst für Kenner nicht so einfach, die wechselvolle und teils wirre Geschichte des Fußballs in der Stadt des Völkerschlachtdenkmals von ihren Wurzeln bis in die Gegenwart historisch korrekt zu verfolgen.
 
Klar aber ist, dass es ohne Chemie den FC Sachsen nie gegeben hätte. Und dass die Chemiker von unten kommen, aus der Arbeiterschaft. Aber auch, dass sie stolz auf ihre Herkunft sind und ihre nahezu avantgardistische Rolle in Leipzig. Daraus aber ist ein stabiles Selbstbewusstsein gewachsen. Selbstbewusstsein, das sich seit fast fünf Jahrzehnten durch die Irrungen des Leipziger Fußballs in die Gegenwart gerettet hat.
 
Es ist Sommer 1963. Der Fußball in Leipzig wird mal wieder neu strukturiert. Chemie Leipzig, der direkten Vorläufer des FC Sachsen, spielt nur die zweite Geige in der Sachsenmetropole. Abwertend werden die Fußballer als „Rest von Leipzig“ eingestuft. Einer, der zwar in der Oberliga spielt, der höchsten Spielklasse der DDR, für den aber von oberster Seite Schritt für Schritt der langsame Tod vorgesehen ist. Zumindest der Sturz in die Bedeutungslosigkeit. Chemie soll für immer im Schatten des 1. FC Lokomotive stehen, dem Vorzeigeklub der Stadt, der alle Unterstützung von Bezirksfürsten und Verbandsfunktionären genießt. Und zu dem vor dieser Saison die angeblich besten Spieler der Stadt delegiert werden.

Meisterspieler in Beton

Die neue Kräfteverteilung funktioniert jedoch nur auf dem Papier. Vorerst jedenfalls. Dieser „Rest von Leipzig“ mischt die Oberliga auf. Die aussortierten Spieler zeigen Trotz, viel Trotz. Aber noch mehr Können. Manfred Walter und Dieter Sommer, Klaus Scherbarth und Klaus Lisiewicz, Lothar Pacholski und Horst Slaby. Manfred Walter, Libero und Kapitän, wird mit 16 Länderspielen Rekord-Nationalspieler der Leutzscher. Allen voran jedoch genießt Alfred Kunze Heldenstatus. Der Trainer wird bereits zu Lebzeiten eine Legende.
 
Der feine Theoretiker kitzelt aus den anderswo verschmähten Spielern Leidenschaft und Herz heraus. Der Titelgewinn, den die Männer aus Leipzig-Leutzsch am letzten Spieltag mit einem 2:0 bei Rot-Weiß Erfurt perfekt machen, ist eine der größten Überraschungen im DDR-Fußball. Für manchen sogar die größte überhaupt. Die Sternstunde aller Anhänger der Grün-Weißen ist sie sowieso. Pilgern sie in ihr Stadion, treffen sie die Helden von einst. In Lebensgröße sind die Meisterspieler in Beton gegossen und erinnern als Denkmal an die traumhaft schönste Zeit in Leutzsch.

Heldenstatus für Trainer Kunze

An diese Tradition werden die Fans auch heute Tag für Tag erinnert. Und zwar in Person des Zeugwarts. Der hört auf den Namen – Kunze. Seine Vornamen: Dieter, Richard und – Alfred. Wer an einen Scherz oder einen Verwandten der Trainer-Legende denkt, nach dem seit dem 27. Mai 1992 und damit noch zu dessen Lebzeiten das Stadion der Leutzscher in Alfred-Kunze-Sportpark benannt ist, liegt völlig falsch. Die Namensgleichheit gehört zu den zahlreichen Kuriositäten, die sich rund um den Verein ranken.
 
Dieser Richard Alfred Dieter Kunze hatte mit dem Meister-Trainer oft zu tun. Als Alfred Kunze, der Trainer, seine letzten Lebensjahre in einem Seniorenheim in Leipzig-Lößnig verbrachte und dringend einen Fahrer benötigte, der in zu den Heimspielen der Leutzscher brachte, war FC-Sachsen-Fan Dieter Richard Alfred Kunze sofort Feuer und Flamme. Hin und wieder änderte er sogar die Tour zum Stadion, die fast durch die ganze Stadt führte. „Er kam ja sonst nie aus seinem Heim heraus. So bekam er wenigstens was zu sehen“, so der ehrenamtliche Meistertrainer-Chauffeur.

Pokaltriumph 1966

Als die Tour mit dem Tod Alfred Kunzes am 24. Juli 1996 ein Ende hatte, ging es dem FC Sachsen längst auch nicht mehr sonderlich gut. Klick Zu DDR-Zeiten reichte es nach dem sensationellen Meistertitel zwar noch zum Pokaltriumph 1966, doch der von den Funktionären erhoffte Fall trat mit einigen Jahren Verspätung doch ein. Chemie entwickelte sich zu einer Fahrstuhlmannschaft. Bis zum Ende der DDR stieg Chemie fünf Mal ab, kam aber stets wieder zurück. Auch im letzten Oberliga-Jahr spielte Chemie erstklassig, wenn auch nicht mehr unter dem traditionellen Namen und nur durch einen Trick.
 
Die Chemiker, in der Wende-Zeit umbenannt in Grün-Weiß 1990 Leipzig, blieben als Liga-Zweiter zweitklassig, der Namensvetter aus Böhlen war aufgestiegen, steckte aber in finanziellen Schwierigkeiten. Durch die Fusion beider zum FC Sachsen kam Chemie auf einem eleganten Umweg zurück in die Oberliga.

Nach der Wende drittklassig

Die Freude währte jedoch nur kurz. Nach der politischen Wende verpasste der neue Verein den Sprung in die Zweite Bundesliga und fand sich in der Drittklassigkeit wieder. Von dort ging es nie wieder nach oben, auch wenn es sportlich hätte klappen können. Wie vielleicht 1993. Nach dem Oberliga-Staffelsieg verweigerte der DFB den Leutzschern die Lizenz – wieder nix! Wenigstens den Sprung in die 1994 gegründete Regionalliga schafften die Leipziger. Was aber blieb, waren die finanziellen Nöte.
 
1999 stand der Verein vor dem Aus. Erst Michael Kölmel und seine Kinowelt retteten die Grün-Weißen vor der Insolvenz. Die Konten blieben dennoch ziemlich leer. Zwei Jahre nach Kölmels Einstieg drohte erneut der Kollaps. Für den Verbleib in der Regionalliga forderte der DFB eine Bürgschaft in Höhe von 5,9 Millionen Mark. Da auch die Kinowelt in Turbulenzen auf dem Neuen Markt geriet, stiegen die Sachsen in die nun viertklassige Oberliga Nordost ab. Nach dem Rücktritt des Präsidiums beantragte das Notpräsidium die Insolvenz.

Große finanzielle Nöte

Es blieb nicht die einzige. Auch bekannte Namen auf den Trainerbänken (Wolfgang Frank, der Ex-Bundesligaprofi) und im Präsidentensessel (Ex-Eintracht-Frankfurt-Boss Rolf Heller) brachten keine Ruhe in den Verein. Trotzdem glaubten sie in einer Phase der Konsolidierung und des Neuanfangs in Leipzig-Leutzsch wieder daran, im Konzert der Großen mitspielen zu können, zumal die Heimspiele im komplett umgebauten Zentralstadion ausgetragen wurden und die Grün-Weißen dafür von Betreiber Kölmel jährlich eine sechsstellige Garantiesumme erhielten.
 
Zur Stadioneröffnung in der Regionalliga gegen die Amateure von Borussia Dortmund kamen am 7. März 2004 immerhin 28.500 Zuschauer. Die Macher begannen zu klotzen. Eduard Geyer, der Cottbuser Erfolgstrainer, der Anfang der 90er Jahre bereits bei den Leipzigern gearbeitet hatte, kehrte 2006 als Sportdirektor zurück. Mit ehemaligen Bundesligaspielern (Rolf-Christel Guié-Mien, der 27-malige Nationalspieler aus der Republik Kongo bestritt für Karlsruhe, Frankfurt, Freiburg und Köln insgesamt 81 Bundesligaspiele) sollte die Rückkehr auf die größere Bühne des Fußballs regelrecht erzwungen werden.
 
Sogar ein österreichischer Getränke-Multi, der im Formel 1-Zirkus engagiert ist und inzwischen bei einem anderen Verein aus Leipzig angeheuert hat, wollte mit etlichen Millionen einsteigen. Der Etat des Viertligisten katapultierte sich auf 3,15 Millionen Euro. Diese Höhenflüge aber endeten in einem erneuten Desaster. Zum erklärten Aufstieg in die Regionalliga fehlten dem enttäuschenden Tabellenvierten satte acht Punkte. Michael Kölmel, dem erneuten Retter in allerhöchster Not, blieb nur noch, mal wieder die Scherben zusammenzufegen. Die Trainer kamen und gingen. 2008 trat der designierte Coach Martin Polten noch vor seinem ersten Arbeitstag zurück.
 
Erst Dirk Heyne, der ehemalige Auswahltorwart der DDR (9 Länderspiele), brachte als Trainer ein wenig Kontinuität in den Verein. Selbst als das Leipziger Finanzamt am 26. Februar 2009 einen erneuten Insolvenzantrag stellte, bewahrte er seine Bärenruhe, auch weil der Spielbetrieb trotz einer Schuldenlast von 2,7 Millionen Euro in der nunmehr fünftklassigen Oberliga fortgeführt wurde. Die Hoffnungen auf einen Aufstieg sind indes mal wieder längst verflogen. Der FC Sachsen ist als Tabellenachter jenseits der Aufstiegs- und Abstiegsplätze. Inzwischen aber gibt es wieder einen Verein, der sich Chemie Leipzig nennt.
 
Seit 1997 gibt es die Ballsportgemeinschaft (BSG) Chemie Leipzig, die die Tradition des DDR-Vereins pflegt und sich dem FC Sachsen zugehörig fühlte. Im Frühjahr 2008 jedoch kam es nach Fan-Streitigkeiten zum Bruch, die Chemiker nahmen mit einer eigenen Mannschaft in der 3. Kreisklasse den Spielbetrieb auf und kletterten nach ihrer ersten Saison in die 2. Kreisklasse. Von dort ist es jedoch noch ein sehr weiter Weg in die Prominenz. Und die Kult-Spieler von 1963/64 sind in ihrem Heldenstatus ohnehin von niemandem mehr vom Thron zu stoßen.
 

Chemie und Sachsen Leipzig von 1950 bis heute

DDR-Meister:   1950/51, 1963/64
FDGB-Pokalsieg:   1957, 1966
Beste Platzierungen:
  Vizemeister 1952, Dritter 1952, 1956, 1960, 1965
Aufstieg in die DDR-Oberliga:   1972, 1975, 1979, 1983, 1990
Abstieg aus der DDR-Oberliga:   1971, 1974, 1976, 1980, 1985
DDR-Oberliga:   1950/51 bis 1970/71, 1972/73 bis 1973/74, 1975/76, 1979/80, 1983/84 bis 1984/85, 1990/91
DDR-Liga:
  1971/72, 1974/75, 1976/77 bis 1978/79, 1980/81 bis 1982/83, 1985/86 bis 1989/90
Regionalliga:   1994/95 bis 2000/01, 2003/04
NOFV-Oberliga:   1991/92 bis 1993/94, 2001/02 bis 2002/03, 2004/05 bis 2009/10
Sächsischer Pokalsieger:   1993, 1994, 1995, 2005
Nationalspieler von Chemie Leipzig:   Manfred Walter (16 Länderspiele, Olympia-Bronze 1964 in Tokio), Werner Eilitz (4), Bernd Dobermann (2), Heinz Fröhlich (2), Rudolf Krause (2), Horst Scherbaum (2), Günter Busch (1), Lothar Vetterke (1).
Weitere bekannte Spieler:   Bernd Bauchspieß (Olympia-Bronze Tokio 1964), Klaus Lisiewicz (Olympia-Bronze Tokio 1964), Otto Skrowny (Oberliga-Torschützenkönig 1969/70)

Quelle:Fußballwoche Nr.6/Montag 08.Februar 2010-86.Jahrgang
 
      Ronny Kujat-Fußballgott-und ich         Hansi Leitzke-einst ein wahres Idol

LFV Sachsen Leipzig-Neuanfang nach Insolvenz in der 3.Kreisklasse
 

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in memory-Alfred Kunze
 

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schöne Momente mit CHEMIE
 








 

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